Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen

Autismus kann sich im Erwachsenenalter sehr unterschiedlich zeigen. Manche Besonderheiten sind deutlich erkennbar, andere bleiben über viele Jahre unbemerkt. Folgendes kann dazu beitragen, dass autistische Merkmale nach außen kaum sichtbar sind.

  • Gute sprachliche und kognitive Fähigkeiten
  • Hohes Funktionsniveau im Alltag
  • Über lange Zeit entwickelte Anpassungs- und Kompensationsstrategien

Eine fundierte Autismus-Diagnostik betrachtet deshalb nicht nur das aktuelle Verhalten, sondern die individuelle Entwicklung, unterschiedliche Lebensbereiche und den Aufwand, der hinter scheinbar selbstverständlichem Funktionieren stehen kann.

Autismus beginnt nicht erst im Erwachsenenalter.

Deshalb nimmt die Entwicklungsanamnese einen wesentlichen Stellenwert ein. Betrachtet werden unter anderem frühe soziale Beziehungen, Kommunikation und Spielverhalten, Interessen, sensorische Besonderheiten, der Umgang mit Veränderungen sowie die Bewältigung sozialer Anforderungen.

Wenn möglich und sinnvoll sollen Angaben von Bezugspersonen, Schulzeugnisse oder andere Informationen aus früheren Lebensphasen die diagnostische Einschätzung im Sinne einer Fremdanamnese ergänzen.

Unterschiedliche Erscheinungsformen erkennen

Autismus folgt keinem einheitlichen Erscheinungsbild. Autistische Menschen können:

  • Blickkontakt halten
  • Empathisch sein
  • Beziehungen führen
  • Beruflich erfolgreich sein
  • Ein ausgeprägtes Interesse an sozialen Kontakten haben

Ebenso müssen Spezialinteressen oder repetitive Verhaltensweisen nicht offensichtlich oder ungewöhnlich erscheinen. Im Gegenteil, diese werden oft sozial angepasst, um gesellschaftlich nicht aufzufallen.

Auch zwischen Männern, Frauen und diversen Personen können sich Unterschiede in der Art zeigen, wie autistische Besonderheiten sichtbar werden und wie mit sozialen Erwartungen umgegangen wird. Diagnostik orientiert sich deshalb nicht an einem vermeintlich typischen Bild von Autismus, sondern am individuellen Entwicklungs- und Verhaltensmuster.

Wenn Anpassung Autismus weniger sichtbar macht

Masking bei Autismus: erlernte Anpassungsstrategien und wenig sichtbare autistische Besonderheiten erkennen und verstehen

Masking und Camouflaging können dazu führen, dass autistische Besonderheiten im direkten Kontakt kaum auffallen. Soziale Situationen werden beispielsweise bewusst analysiert, Verhaltensweisen anderer übernommen, Gespräche vorbereitet oder Reaktionen gezielt angepasst.

Gerade bei Menschen mit guten kognitiven Fähigkeiten und hohem Funktionsniveau kann dadurch lange der Eindruck entstehen, soziale Anforderungen würden problemlos bewältigt. Entscheidend ist jedoch nicht ausschließlich, ob etwas gelingt, sondern wie es gelingt und welchen Aufwand es erfordert.

Diagnostische Ergebnisse im Zusammenhang verstehen

Im Rahmen der klinisch-psychologischen Diagnostik wird Folgendes angewandt:

  • Standardisierte Testverfahren
  • Klinische Interviews
  • Selbst- und Fremdbeurteilungsfragebögen
  • Entwicklungsanamnese
  • Verhaltensbeobachtung

Gleichzeitig werden mögliche alternative oder zusätzliche Erklärungen berücksichtigt, da sich beispielsweise ADHS, Ängste oder andere psychische Belastungen mit autistischen Merkmalen überschneiden oder gemeinsam mit Autismus auftreten können.

Ziel ist nicht, einzelne Verhaltensweisen möglichst schnell einer Diagnose zuzuordnen. Vielmehr geht es darum, Zusammenhänge sichtbar zu machen und zu verstehen, wie ein Mensch wahrnimmt, kommuniziert, Beziehungen gestaltet und Anforderungen seiner Umwelt bewältigt.

Denn eine Diagnose verändert nicht den Menschen, sondern den Blick darauf, warum manches schon immer anders funktioniert hat.

Wo Unterschiede Bedeutung bekommen!