ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen
ADHS endet oder beginnt auch nicht mit dem Erwachsenenalter. Die lange verbreitete Annahme, dass sich ADHS mit zunehmendem Alter auswächst, gilt heute als überholt. Dennoch wird ADHS bei vielen Menschen erst im Erwachsenenalter erkannt. Über Jahre entwickelte Strategien, ein passendes berufliches und privates Umfeld, hohe kognitive Fähigkeiten oder ausgeprägte Selbstkontrolle können Schwierigkeiten lange ausgleichen. Mit steigenden Anforderungen können bisher funktionierende Strategien zunehmend an ihre Grenzen gelangen.
Eine fundierte ADHS-Diagnostik betrachtet deshalb nicht nur aktuelle Beschwerden, sondern kognitive Leistungsfähigkeit, Aufmerksamkeit, bisherige Entwicklung und deren Auswirkungen auf unterschiedliche Lebensbereiche.
Aufmerksamkeit und kognitive Leistungsfähigkeit untersuchen
Im Rahmen der klinisch-psychologischen Diagnostik werden Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistung differenziert untersucht. Erfasst werden unter anderem Arbeitstempo und Sorgfalt, die Fähigkeit zur längerfristigen Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit sowie Reaktionsgeschwindigkeit, Impulskontrolle und Schwankungen der Aufmerksamkeitsleistung. Ergänzend werden kognitive Funktionen wie Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit betrachtet.
Dabei gibt es nicht das eine für ADHS typische Testergebnis. Unauffällige Aufmerksamkeits- oder Gedächtnisleistungen schließen ADHS ebenso wenig aus wie eine hohe intellektuelle Leistungsfähigkeit. Entscheidend ist die Zusammenschau der Ergebnisse.

Die bisherige Entwicklung berücksichtigen
Da ADHS bereits in der Kindheit beginnt, nimmt die Entwicklungsanamnese einen wesentlichen Stellenwert ein. Betrachtet wird, ob sich bereits früher Hinweise auf Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Organisation, Impulskontrolle, Aktivitätsregulation oder der Bewältigung alltäglicher Anforderungen gezeigt haben.
Wenn möglich und sinnvoll, können Angaben von Bezugspersonen, Schulzeugnisse oder andere Informationen aus früheren Lebensphasen die Einschätzung ergänzen.
ADHS kann unterschiedlich aussehen
ADHS im Erwachsenenalter bedeutet nicht zwangsläufig sichtbare Hyperaktivität. Schwierigkeiten können sich beispielsweise durch Vergesslichkeit, Aufschieben, Probleme bei der Handlungsorganisation, innere Unruhe, impulsive Entscheidungen oder Schwierigkeiten beim Wechsel zwischen Aufgaben zeigen. Gleichzeitig können Phasen außergewöhnlich intensiver Konzentration bei hohem Interesse auftreten.
Andere Erwachsene kompensieren durch Perfektionismus, starke Selbstkontrolle, detaillierte Planung oder einen erheblichen zeitlichen Aufwand. Nach außen kann der Alltag dadurch gut funktionieren, obwohl seine Bewältigung unverhältnismäßig viel Energie erfordert.
Ergebnisse im Zusammenhang verstehen
Aufmerksamkeits- und Organisationsprobleme können auch im Zusammenhang mit Autismus, psychischen Belastungen, Schlafproblemen oder anderen Faktoren auftreten. Gleichzeitig können mehrere Besonderheiten nebeneinander bestehen. Eine differenzierte Diagnostik berücksichtigt deshalb auch mögliche alternative und zusätzliche Erklärungen.
Testergebnisse, diagnostische Gespräche, Entwicklungsanamnese, Verhaltensbeobachtung und Informationen aus dem Alltag werden zu einem Gesamtbild zusammengeführt.
So geht es nicht ausschließlich um die Frage, ob ADHS vorliegt. Diagnostik soll verständlich machen, wie ein Mensch Informationen verarbeitet, wo seine individuellen Stärken liegen und weshalb bestimmte Anforderungen mehr Kraft benötigen als andere.
Wo Unterschiede Bedeutung bekommen.

